Andy Schneider
steht hinter der Ferienbetreuung der Gemeinde Rothenburg ab 2024/25
Auf dem Weinmarkt klatschte und lachte das Publikum bei lustigen Szenen und bei traurigen Geschichten wurde mitfühlend geschluchzt. Bild: Stefan Kämpfen
Weit herum berühmt waren die Osterspiele. An zwei aufeinander folgenden Tagen wurde von sechs Uhr früh bis sechs Uhr abends das Geschehen des Alten und Neuen Testaments gespielt und zwar von Adam und Eva bis zur Ausgiessung des heiligen Geistes.
An diesem Riesenspektakel machten nicht weniger als 400 Leute mit, teils als Schauspieler, teils als Sänger und teils als Musikanten. Frauen waren dabei ausgeschlossen. Weibliche Rollen wie diejenige der Eva und der Maria wurden ausschliesslich von Männern übernommen. Wer mitspielen wollte, musste tief in die Tasche greifen. Hauptrollen wie Gottvater, Moses oder Christus kosteten 40 Schilling; Maria, David oder der Erzengel Michael nur die Hälfte. Für jede Rolle gab's punkto Alter, Gestalt, Grösse und Stimmklang bestimmte Anforderungen. So hatte Adam etwa dreissigjährig zu sein, während für Josef, Marias Bräutigam, ein alter Mann vorgeschriebne war. Als Erzengel eigneten sich Jünglinge von erwachsener Statur, die aber noch nicht den Stimmbruch haben durften. Gespielt wurd e auf dem ganzen Platz zwischen dem Haus der Sonne und dem Weinmarktbrunnen. Holztribünen boten den Zuschauern Platz und dienten den Theaterspielern als Unterstände und Requisitenkammer. Fest installierte Kulissen waren der Himmel und die Hölle, während die meisten anderen Szenenbilder nach Bedürfnis auf- und abgebaut wurden. Der Spielleiter war nicht nur Regisseur, sondern zugleich Souffleur und Bühnenmeister. Mit den Laienspielern hatte er seine liebe Mühe, denn teilweis waren diese recht lern- und probefaul. Nur wenige wüssten ihre Sprüche auswendig und etliche könnten nicht einmal lesen. Die Zuschauer, Spektanten genannt, hatten Eintritt zu bezahlen. Ihnen standen auf den Tribünen und an den Fenstern der an den Weinmarkt angrenzenden Häuser insgesamt 4'000 Plätze zur Verfügung. Unter den Spektanten befanden sich auch viele Auswärtige, zum Teil sogar aus dem Ausland, und laut alten Berichten hat das Publikum intensiv mitgefiebert. gp/sk
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